Istiʿādha und Basmala: So beginnst du die Koranrezitation richtig
Aʿūdhu billāh und Bismillāh sagt jeder, aber wie genau? Welcher Wortlaut gilt, wann du laut sprichst, wie du Istiʿādha, Basmala und Surenanfang verbindest und warum at-Tawba ohne Basmala beginnt.
Vor der Rezitation sprichst du die Istiʿādha: aʿūdhu bi-llāhi mina sh-shayṭāni r-rajīm (Q 16:98). Beginnst du eine Sure, folgt bei allen Lesern die Basmala, nur nicht vor Sūrat at-Tawba. Mitten in einer Sure ist sie freigestellt. Istiʿādha, Basmala und ersten Vers darfst du auf vier Weisen trennen oder verbinden. Zwischen zwei Suren ist genau eine Verbindung verboten.
Du schlägst den Mushaf bei Sūrat al-Mulk auf und beginnst mit „Bismillāh”. Dein Lehrer unterbricht dich: „Das Aʿūdhu fehlt.” Am nächsten Tag fängst du bei Sūrat at-Tawba an, sprichst beide Sätze und wirst wieder unterbrochen, diesmal aus dem genau entgegengesetzten Grund. Zwei Fehler in zwei Tagen, und beide haben einen Grund, den man in wenigen Minuten versteht.
Istiʿādha (الاستعاذة, auch Taʿawwudh, umgangssprachlich „das Aʿūdhu”) und Basmala (البسملة, umgangssprachlich „Bismillāh”) stehen nicht vor der Rezitation, sie sind ihr erster Teil, mit eigener Überlieferung. Beim Beginnen einer Sure sind vier Verbindungsweisen erlaubt. Verboten ist nur eine einzige, und sie entsteht zwischen zwei Suren: Die Basmala gehört immer zum Anfang der folgenden Sure, nie zum Ende der vorigen. Wer diesen einen Satz verstanden hat, versteht auch, warum Sūrat at-Tawba anders beginnt als jede andere Sure.
Die Istiʿādha: Wortlaut und Sinn
Grundlage ist Sure 16, Vers 98:
فَإِذَا قَرَأْتَ ٱلْقُرْءَانَ فَٱسْتَعِذْ بِٱللَّهِ مِنَ ٱلشَّيْطَٰنِ ٱلرَّجِيمِ fa-idhā qaraʾta l-qurʾāna fa-staʿidh bi-llāhi mina sh-shayṭāni r-rajīm „Wenn du den Koran liest, dann suche Zuflucht bei Allah vor dem verfluchten Satan.” (16:98)
Wörtlich klingt der Vers, als solle die Istiʿādha erst nach der Lesung kommen. Die Mehrheit der Gelehrten versteht „wenn du liest” aber als „wenn du lesen willst”, ähnlich wie Sure 5:6 das Waschen vor dem Gebet meint, nicht mittendrin. Ibn al-Jazarī fasst es direkter: Gemeint ist der Moment, in dem du beginnst (an-Nashr 1/256). Die Istiʿādha steht vor der Lesung, nicht danach.
Der überlieferungsmäßig für alle Leser bevorzugte Wortlaut lautet:
أَعُوذُ بِٱللَّهِ مِنَ ٱلشَّيْطَٰنِ ٱلرَّجِيمِ aʿūdhu bi-llāhi mina sh-shayṭāni r-rajīm „Ich nehme Zuflucht bei Allah vor dem verfluchten Satan.”
Zulässig sind daneben Erweiterungen wie der Zusatz as-samīʿi l-ʿalīm (angelehnt an 7:200 und 41:36) oder die gekürzte Form aʿūdhu bi-llāhi mina sh-shayṭān. Nicht überliefert und deshalb nicht korrekt sind Formen wie astaʿīdhu oder atāʿawwadhu (an-Nashr 1/246–247): aʿūdhu heißt „ich nehme Zuflucht”, astaʿīdhu nur „ich bitte um Zuflucht”. Der Befehl aus 16:98 wird durch das Zufluchtnehmen selbst erfüllt, nicht durch die bloße Bitte darum.
Nach der Mehrheit der Gelehrten ist die Istiʿādha mustaḥabb (empfohlen), eine Minderheit hält sie für Pflicht (an-Nashr 1/258). Einmal gesprochen, gilt sie für die ganze Lesesitzung. Neu sprichst du sie nur, wenn ein fremdes Gespräch die Lesung unterbricht, selbst eine erwiderte Begrüßung zählt dazu, nicht aber Husten, Niesen oder eine Frage zur Lesung selbst (an-Nashr 1/259).
Laut oder leise?
Grundsatz: laut, wenn jemand zuhört, damit der Hörer von der ersten Silbe an aufmerksam ist (Abū Shāma, zitiert in an-Nashr 1/253). Leise, aber gesprochen, nicht nur gedacht, gilt in vier Situationen (al-Wāfī S. 44; an-Nashr 1/254):
- du liest ohnehin leise;
- du liest allein, ohne Zuhörer;
- im Gebet, auch als Imām in einem laut gesprochenen Gebet;
- beim gemeinsamen Lesen im Wechsel (Dawr), wenn du nicht als Erster beginnst.
Der Unterschied zwischen laut und leise betrifft nur die Lautstärke, nicht ob du die Lippen bewegst. Nach der Mehrheit der Gelehrten reicht reines Mitdenken nicht aus, gesprochen muss es trotzdem werden.
Die Basmala: am Surenanfang Pflicht, mitten in der Sure frei
Am Anfang jeder Sure außer at-Tawba lesen alle Leser die Basmala, ohne Ausnahme, auch diejenigen, die sie zwischen zwei Suren sonst weglassen. Das ist Pflicht der Überlieferung (riwāyatan), keine Fiqh-Pflicht: Ibn al-Jazarī nennt es in seinem Lehrgedicht an-Nashr (1/263) eine Regel ohne Meinungsverschiedenheit, und al-Marṣafī spricht in Hidāyat al-Qārī (S. 567) von „ḥatman”, zwingend.
Mitten in einer Sure, an jeder Stelle nach dem ersten Wort, ist die Basmala dagegen freigestellt. Manche Leser bevorzugen sie dort, andere nicht, beides ist überliefert (an-Nashr 1/265). Eine Ausnahme betrifft den Anschluss: Beginnst du mitten in der Sure ausgerechnet bei einem Vers, der mit einem Namen Allahs oder einem auf Ihn bezogenen Pronomen einsetzt, klingt die Istiʿādha direkt davor unpassend, im Arabischen bashāʿa genannt. Ein Beispiel ist 41:47:
إِلَيْهِ يُرَدُّ عِلْمُ ٱلسَّاعَةِ ilayhi yuraddu ʿilmu s-sāʿah „Zu Ihm wird das Wissen um die Stunde zurückgebracht.”
Hier ist es besser, die Basmala zwischen Istiʿādha und Vers zu setzen oder nach der Istiʿādha anzuhalten. Beim umgekehrten Fall, etwa 2:268 (ٱلشَّيْطَٰنُ يَعِدُكُمُ ٱلْفَقْرَ, „Der Satan verspricht euch Armut”), lässt du die Basmala dagegen besser weg, damit die Verheißung Allahs nicht im selben Atemzug mit der Drohung des Satans steht (Ibn al-Jazarī, an-Nashr 1/266).
Die vier Wege vom Aʿūdhu zum ersten Vers
Am Anfang jeder Sure außer at-Tawba treffen drei Teile aufeinander: Istiʿādha, Basmala und der erste Vers. Zwischen ihnen sind vier Verbindungsweisen erlaubt, keine ist vorgeschrieben (an-Nashr 1/268):

| # | Weg (arabisch) | Beschreibung | Schema |
|---|---|---|---|
| 1 | قطع الجميع | alles getrennt, nach Istiʿādha und nach Basmala jeweils anhalten | Istiʿādha ‖ Basmala ‖ Surenanfang |
| 2 | قطع الأول ووصل الثاني بالثالث | nur nach der Istiʿādha anhalten, Basmala mit dem Surenanfang verbunden | Istiʿādha ‖ Basmala–Surenanfang |
| 3 | وصل الأول بالثاني وقطع الثالث | Istiʿādha mit Basmala verbunden, dann anhalten | Istiʿādha–Basmala ‖ Surenanfang |
| 4 | وصل الجميع | alles in einem Atemzug | Istiʿādha–Basmala–Surenanfang |
Nimmst du als Beispiel den Übergang zur kurzen Sure al-Qāriʿa, klingt der vierte Weg so: أَعُوذُ بِٱللَّهِ مِنَ ٱلشَّيْطَٰنِ ٱلرَّجِيمِ بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَٰنِ ٱلرَّحِيمِ ٱلْقَارِعَةُ (aʿūdhu bi-llāhi mina sh-shayṭāni r-rajīmi bismi-llāhi r-raḥmāni r-raḥīmi l-qāriʿah), in einem Atemzug, mit Kasra auf dem Mīm von ar-rajīm und ar-raḥīm, und stummem Hamzat al-Waṣl bei al-qāriʿah. Beim ersten Weg hörst du dagegen drei eigenständige Einheiten mit Atemholen dazwischen, und al-qāriʿah beginnt mit hörbarem Hamzat al-Waṣl. Hältst du an einer der drei Stellen an, gilt beim Anhalten der Madd ʿĀriḍ li-s-Sukūn, im Verbinden nur der kurze Madd Ṭabīʿī (siehe Madd-Regeln im Koran). Präferenzen werden genannt, nicht vorgeschrieben: ad-Dānī neigt zum Verbinden von Istiʿādha und Basmala (Weg 3), Ibn al-Bādhish zum Trennen, „passender für den Tartīl” (an-Nashr 1/257, 1/268).
Ohne Basmala, also mitten in der Sure, wenn du sie weglässt, oder am Anfang von at-Tawba, bleiben nur zwei Wege: Istiʿādha getrennt oder mit dem Vers verbunden.
Warum ist das Verbinden von Istiʿādha und Basmala (Weg 3) hier erlaubt, der entsprechende Weg zwischen zwei Suren aber gleich verboten? Weil die Istiʿādha kein Koran ist, darüber besteht Konsens (Hidāyat al-Qārī S. 560). Wer sie mit der Basmala verbindet, erweckt nicht den Eindruck, die Basmala gehöre zum Ende einer Sure. Genau das ändert sich, sobald zwei Suren im Spiel sind.
Zwischen zwei Suren: drei Wege und ein verbotener

| # | Weg | Schema | Status |
|---|---|---|---|
| 1 | alles getrennt | Surenende ‖ Basmala ‖ nächster Surenanfang | erlaubt |
| 2 | Surenende getrennt, Basmala mit dem nächsten Anfang verbunden | Surenende ‖ Basmala–Surenanfang | erlaubt, nach Ibn al-Jazarī der beste Weg |
| 3 | alles verbunden | Surenende–Basmala–Surenanfang | erlaubt |
| 4 | Surenende mit Basmala verbunden, dann anhalten | Surenende–Basmala ‖ Surenanfang | verboten |
Der Kernsatz, mit dem Ibn al-Jazarī den vierten Weg verwirft, steht in an-Nashr (1/267):
لِأَنَّ الْبَسْمَلَةَ لِأَوَائِلِ السُّوَرِ لَا لِأَوَاخِرِهَا „Weil die Basmala für die Anfänge der Suren gilt, nicht für ihre Enden.”
Hältst du auf der Basmala an, nachdem du sie mit dem Surenende verbunden hast, klingt es, als gehöre sie noch zur vorigen Sure. Genau das verletzt den Konsens: al-Marṣafī nennt diesen Weg „für alle Leser durch Konsens verboten” (Hidāyat al-Qārī S. 569). Ibn al-Jazarī zieht selbst den zweiten Weg vor, genannt „ihre beste [Verbindung]” (ūlāhā): Surenende mit Atemholen abschließen, dann die Basmala mit dem neuen Anfang verbinden.
Ibn al-Jazarī vergleicht das Prinzip mit dem Hamzat al-Waṣl: Es verstummt beim Weiterlesen und wird nur gesprochen, wenn man neu ansetzt. Genauso verhält sich die Basmala zwischen zwei Suren, sie gehört zum Ansatz, nicht zum Anschluss. Die Regel gilt zwischen allen Suren, auch nicht aufeinanderfolgenden, und selbst dann, wenn du dieselbe Sure wiederholst (an-Nashr 1/270).
Sūrat at-Tawba: die Sure ohne Basmala
Sūrat at-Tawba, auch Barāʾa genannt, ist die einzige Sure im Koran, die nicht mit der Basmala beginnt. Das ist an keinem ʿuthmānischen Mushaf anders, und kein Leser weicht davon ab, egal ob er weiterliest oder neu ansetzt (an-Nashr 1/264; Makkī spricht nach an-Nashr 1/269 vom Konsens der Muṣḥafe). Dieser Befund ist gesichert. Für den Grund gibt es mehrere überlieferte Deutungen, nicht alle mit demselben Gewicht.
Am häufigsten zitiert wird ein Bericht, in dem Ibn ʿAbbās ʿUthmān ibn ʿAffān fragt, warum al-Anfāl und Barāʾa ohne eine trennende Basmala-Zeile zusammengeschrieben wurden. ʿUthmāns Antwort: Der Prophet ﷺ sei gestorben, ohne klarzustellen, dass Barāʾa zu al-Anfāl gehöre (Sunan at-Tirmidhī 3086; Sunan Abī Dāwūd 786–787). At-Tirmidhī bewertet die Überlieferung als ḥasan ṣaḥīḥ, der moderne Kritiker Aḥmad Shākir dagegen als sehr schwach, wegen eines unsicher identifizierten Erzählers, Yazīd al-Fārisī.
Eine zweite, verbreitete Deutung wird ʿAlī ibn Abī Ṭālib zugeschrieben: Die Basmala sei eine Zusage von Sicherheit, Barāʾa aber kündige Verträge auf und sei „mit dem Schwert” herabgesandt worden, dazu passe keine Sicherheitszusage. Dieser Bericht steht bei al-Qurṭubī ohne Isnād und ist nicht Teil von Ṣaḥīḥ al-Bukhārī. Er wird ʿAlī zugeschrieben, ohne dass sich das mit einer gesicherten Kette belegen lässt. Manche Quellen geben ihn als feststehenden Ḥadīth aus, das ist er nicht (mehr dazu im historischen Anlass von 9:1, siehe Asbab an-Nuzul).
Die nüchternste Erklärung stammt von al-Qushayrī, ebenfalls bei al-Qurṭubī überliefert: Der Engel Jibrīl habe die Basmala für diese Sure schlicht nicht mit herabgebracht. Al-Qurṭubī selbst nennt das „die zutreffende [Erklärung]”.
Praktisch bedeutet das: Du beginnst at-Tawba mit der Istiʿādha und ohne Basmala, getrennt oder verbunden. Kommst du von Sūrat al-Anfāl, gibt es für alle Leser drei erlaubte Übergänge, wieder ohne Basmala:
- Waqf: anhalten auf عَلِيمٌ (ʿalīm), mit Atemholen, dann بَرَآءَةٌ (barāʾatun) neu ansetzen. Das ist die Wahl, die Ibn al-Jazarī selbst trifft.
- Sakt: kurzes Innehalten auf عَلِيمٌ (ʿalīm), ohne Atem zu holen. Im Mushaf markiert ein eigenes Zeichen solche kurzen Pausen (siehe Die Bedeutung der Mushaf-Zeichen im Koran).
- Waṣl: ohne Pause weiterlesen, عَلِيمٌۢ بَرَآءَةٌ (ʿalīmum barāʾatun). Das Tanwīn wird dabei vor dem ب zu einem verdeckten Mīm, Iqlāb (siehe Die Regeln der Nūn Sākinah und Tanwīn).
Eine Basmala zwischen al-Anfāl und at-Tawba einzuschieben gilt als Neuerung, die den Konsens verletzt (Ibn Shayṭā, nach an-Nashr 1/265). Mitten in at-Tawba ist die Frage umstritten; in der Praxis lassen die meisten Lehrer sie auch dort weg.
Kurzer Blick in die Riwāyāt
Der Autor dieses Artikels hält eine Ijāzah in zehn Riwāyāt, überliefert über die Ṭuruq der Shāṭibiyya und der Durra. Genau in diesen zehn Riwāyāt verläuft die Trennlinie zwischen „immer Basmala” und „Basmala, Sakt oder Waṣl zwischen zwei Suren”:
| Riwāyāt (des Autors) | Zwischen zwei Suren |
|---|---|
| Qālūn, al-Bazzī, Qunbul, Shuʿba, Ḥafṣ, Ibn Wardān, Ibn Jammāz | immer Basmala, mit ihren drei Wegen |
| Warsh, ad-Dūrī, as-Sūsī | Basmala, Sakt oder Waṣl, nach der Shāṭibiyya-Linie zusammen fünf Wege |
| Zum Vergleich: Ḥamza (nicht in der Ijāzah des Autors) | verbindet ohne Basmala (Waṣl) |
Ḥamza selbst begründet seine Praxis mit dem Satz: „Der Koran ist für mich wie eine einzige Sure” (an-Nashr 1/264). Für alle Riwāyāt gilt trotzdem gleichermaßen: Am Anfang jeder Sure außer at-Tawba steht die Basmala ausnahmslos, und zwischen al-Anfāl und at-Tawba entfällt sie bei jeder Riwāya. Unterschiedlich ist nur der Übergang zwischen zwei Suren, nie der Surenanfang selbst. Mehr zum Unterschied zwischen Qirāʾa und Riwāya im Artikel Was sind die zehn Lesearten?
Und im Gebet?
Das bisher Gesagte gilt außerhalb wie innerhalb des Gebets, denn es sind Vortragsregeln der Qurrāʾ, keine Fiqh-Fragen (an-Nashr 1/257, 1/270). Ob und wie laut du die Basmala im Pflichtgebet sprichst, ist dagegen eine eigene Fiqh-Frage, keine der Qurrāʾ. Nach ḥanafitischer Lehre sprichst du sie leise, zu Beginn jeder Rakʿa vor der Fātiḥa, als eigenständige Āya zur Trennung der Suren (Radd al-Muḥtār 1/489–491). Die Schāfiʿiten sprechen sie in den laut gesprochenen Gebeten dagegen laut mit. Folge für deine eigene Praxis deinem Madhhab oder frage einen Gelehrten.
Die sechs häufigsten Fehler
1. Die Istiʿādha weglassen, weil „Bismillāh reicht”. Gegenprobe: 16:98 nennt ausdrücklich die Istiʿādha, nicht die Basmala, als das, was vor der Lesung steht.
2. Buchstaben in der Istiʿādha vertauschen: aʿūzu statt aʿūdhu (ز statt ذ), das ʿAyn weglassen oder verschleifen. Solche Vertauschungen ändern Laut und Bedeutung, sie setzen schon beim Artikulationspunkt an (siehe Makhārij al-Ḥurūf).
3. Ein dunkles Lām in bi-llāhi sprechen. Nach einer Kasra bleibt das Lām im Namen Allahs immer hell, dunkel wird es nur nach Fatḥa oder Ḍamma, wie in rasūlu-llāh (siehe Die Regeln von Alif, Lām und Rā).
4. Im Verbinden ein Sukūn sprechen oder das Hamzat al-Waṣl hörbar machen. Richtig ist ar-rajīmi bismi mit Kasra auf dem Mīm, nicht ar-rajīm bismi. Das Hamzat al-Waṣl von al-ḥamdu oder al-qāriʿah verstummt beim Verbinden vollständig.
5. Den verbotenen Wajh sprechen: das Surenende mit der Basmala verbinden und danach anhalten, als gehöre sie noch zur vorigen Sure.
6. Eine Basmala vor at-Tawba sprechen oder sie zwischen al-Anfāl und at-Tawba einschieben. Beide Suren stehen zwar nebeneinander im Mushaf, die Basmala fehlt dort trotzdem bei jedem Leser.
Wer einen dieser Fehler seit Jahren macht, hat aus Unwissen gehandelt, nicht aus Nachlässigkeit. Die Aufgabe jetzt ist, ihn zu korrigieren, nicht, sich dafür zu tadeln.
So übst du es
Geh einmal pro Woche die vier Wujūh an einer kurzen Sure laut durch, etwa an al-Qāriʿa. Wähle beim Wechsel zwischen zwei Suren bewusst Ibn al-Jazarīs eigene Empfehlung, den zweiten Weg: Surenende, Atemholen, dann Basmala mit dem neuen Anfang verbunden. Trage zusätzlich den Übergang von al-Anfāl zu at-Tawba in allen drei Wegen vor deinem Lehrer vor, bis jeder davon sicher sitzt.
Am Mushaf allein lässt sich das nicht zuverlässig prüfen. Wie jede Tajweed-Regel gehört auch diese ins Ohr eines Lehrers, der dich korrigiert und dir am Ende eine Ijāzah für das Gelernte bestätigt.
Wie dieser Baustein in den größeren Lernweg passt, zeigt die Lernpfad-Übersicht.
Weiterlesen
- Was ist Tajweed? – die Grundlagen
- Makhārij al-Ḥurūf – wo ذ, ع und ح im Mund entstehen
- Die Regeln von Alif, Lām und Rā – warum das Lām in bi-llāhi hell bleibt
- Was sind die zehn Lesearten? – Qirāʾa und Riwāya im Überblick
- Was ist eine Ijāzah im Koran? – die Überlieferungskette hinter jeder Riwāya
Häufige Fragen
Muss ich vor jeder Koranlesung Aʿūdhu billāh sagen?
Nach der Mehrheit der Gelehrten, auch in allen vier Madhāhib, ist die Istiʿādha vor der Lesung Sunna, eine Minderheit hält sie für Pflicht. Du sprichst sie einmal zu Beginn. Neu sprichst du sie nur, wenn du die Lesung durch ein fremdes Gespräch unterbrochen hast, etwa einen Gruß erwidert, nicht nach Husten oder einer Frage zur Lesung.
Spricht man die Istiʿādha laut oder leise?
Laut, wenn jemand zuhört, damit er die Lesung von Anfang an verfolgt. Leise, aber mit den Lippen gesprochen, wenn du allein oder ohnehin leise liest, im Gebet und beim gemeinsamen Lesen im Wechsel, wenn du nicht als Erster beginnst.
Muss ich die Basmala sagen, wenn ich mitten in einer Sure anfange?
Nein, mitten in der Sure ist sie freigestellt, viele Lehrer empfehlen sie. Beginnt der Vers mit einem Namen Allahs oder einem Pronomen, das sich auf Ihn bezieht, etwa إِلَيْهِ يُرَدُّ عِلْمُ ٱلسَّاعَةِ, ist die Basmala besser. Vor einem Vers wie ٱلشَّيْطَٰنُ يَعِدُكُمُ ٱلْفَقْرَ lässt du sie weg.
Welche Verbindung zwischen zwei Suren ist verboten?
Das Ende der Sure mit der Basmala zu verbinden und dann anzuhalten. So klingt es, als gehöre die Basmala zur vorigen Sure. Sie gehört aber immer zum Anfang der folgenden. Erlaubt sind: alles trennen, alles verbinden oder nach dem Surenende anhalten und die Basmala mit dem nächsten Anfang verbinden.
Warum beginnt Sūrat at-Tawba nicht mit der Basmala?
Gesichert ist der Befund: Kein ʿuthmānischer Mushaf hat dort eine Basmala, und alle Leser lassen sie weg. Für den Grund gibt es mehrere Überlieferungen: Nach ʿUthmān war unklar, ob die Sure zu al-Anfāl gehört; ʿAlī wird die Deutung zugeschrieben, die Basmala sei eine Zusage von Sicherheit, at-Tawba aber kündige Verträge. Du beginnst sie mit der Istiʿādha und ohne Basmala.
Liest man die Basmala im Gebet laut?
Das ist eine Frage des Madhhab. Nach der ḥanafitischen Lehre sprichst du sie leise zu Beginn jeder Rakʿa vor der Fātiḥa, die Schāfiʿiten lesen sie in den lauten Gebeten laut. Für deine eigene Praxis folge deinem Madhhab oder frage einen Gelehrten.
Quellen
- Ibn al-Jazarī: an-Nashr fī l-Qirāʾāt al-ʿAshr
- al-Qāsim b. Firruh ash-Shāṭibī: Ḥirz al-Amānī wa-Wajh at-Tahānī (ash-Shāṭibiyya)
- Ibn al-Jazarī: Ṭayyibat an-Nashr fī l-Qirāʾāt al-ʿAshr
- Ibn an-Nāẓim: Sharḥ Ṭayyibat an-Nashr
- ʿAbd al-Fattāḥ al-Qāḍī: al-Wāfī fī Sharḥ ash-Shāṭibiyya
- ʿAbd al-Fattāḥ al-Marṣafī: Hidāyat al-Qārī ilā Tajwīd Kalām al-Bārī
- Ayman Rushdī Suwaid: at-Tajwīd al-Muṣawwar
- al-Qurṭubī: al-Jāmiʿ li-Aḥkām al-Qurʾān
- Ibn ʿĀbidīn: Radd al-Muḥtār ʿalā ad-Durr al-Mukhtār
- at-Tirmidhī: Sunan at-Tirmidhī
- Muslim b. al-Ḥajjāj: Ṣaḥīḥ Muslim
- al-Bukhārī: Ṣaḥīḥ al-Bukhārī
Wichtige Begriffe in diesem Artikel
Diese Glossar-Einträge erklären die zentralen Fachbegriffe, die in diesem Artikel vorkommen.
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Ijāzah
إِجَازَةLehrlizenz, Bescheinigung eines Lehrers, dass der Schüler den Koran in einer Lesart korrekt überliefern darf.
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Madd
مَدّVerlängerung eines Vokals um eine definierte Anzahl Zählzeiten (Ḥarakāt).
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Mushaf
مُصْحَفDas physische Buch, in dem der gesamte Korantext zusammengestellt ist.
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Sukūn
سُكُونVokallosigkeit, ein Buchstabe ohne folgenden Vokal.
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Tajweed
تَجْوِيدWissenschaft der korrekten Koranrezitation, jedem Buchstaben seine Rechte geben.
-
Tanwīn
تَنْوِينDoppelvokal am Wortende, der klanglich einem auslautenden Nūn entspricht.
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